Zwischen „das Windrad läuft" und „das Windrad rechnet sich" liegt eine einzige Rechnung. Sie ist einfacher, als die meisten Angebotsunterlagen vermuten lassen, und sie hat nur zwei Größen: was Ihre selbst erzeugte Kilowattstunde in der Herstellung kostet, und was Sie für dieselbe Kilowattstunde aus dem Netz bezahlen. Alles andere – Amortisationszeit, Zwanzig-Jahres-Gewinn, Fördersätze – ist eine Folge dieses Vergleichs.
Dieser Artikel zeigt den Rechenweg, den auch das Fachbuch Kleinwindkraft (3. Auflage, Patrick Jüttemann) für seine Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen verwendet, benennt die Annahmen, die dabei bewusst weggelassen werden, und ordnet ihn in die Strompreislage des Jahres 2026 ein. Wenn Sie zuerst wissen möchten, ob Kleinwindkraft überhaupt zu Ihrer Situation passt, beginnen Sie besser bei Wo lohnt sich eine Kleinwindanlage. Hier geht es um die Zahlen danach.
Die Messlatte ist Ihr eigener Strompreis
Bei netzgekoppelten Anlagen – der mit Abstand häufigsten Betriebsform in Mitteleuropa – steht der selbst erzeugte Windstrom in direkter Konkurrenz zum Strom aus dem öffentlichen Netz. Damit ist der Maßstab für die Wirtschaftlichkeit nicht der Einspeisetarif, sondern der Preis, den Sie für den Netzbezug zahlen. Der Einspeisetarif spielt bei Kleinwindanlagen seit jeher nur eine untergeordnete Rolle, weil die Vergütung traditionell niedrig ausfällt: Nach Stand März 2026 sind es 7,4 Cent je Kilowattstunde. Zum Vergleich: Für Photovoltaik gab es in den 2000er Jahren über 50 Cent.
Daraus folgt das Geschäftsmodell, das in Deutschland, Österreich und der Schweiz als einziges trägt: Eigenverbrauch statt Verkauf. Wer eine Kilowattstunde Windstrom selbst verbraucht, spart den vollen Bezugspreis. Wer sie einspeist, bekommt einen Bruchteil davon. Der Abstand zwischen diesen beiden Werten ist der eigentliche Hebel – und er ist der Grund, warum die Eigenverbrauchsquote in jeder ernsthaften Kalkulation genauso wichtig ist wie der Jahresertrag.
Die Wirtschaftlichkeitsfrage lautet nicht „Wie viel Strom erzeugt die Anlage?", sondern „Was kostet mich meine eigene Kilowattstunde – und liegt dieser Wert unter meinem Bezugspreis?"
So rechnet man: Stromgestehungskosten in einer Zeile
Die zentrale Kennzahl sind die Stromgestehungskosten, also der Herstellungspreis einer Kilowattstunde über die gesamte Nutzungsdauer. Die Formel ist denkbar schlicht: Gesamtkosten geteilt durch Gesamtertrag. Das Rechenbeispiel des Fachbuchs: 20.000 Euro Gesamtkosten und 80.000 Kilowattstunden Gesamtertrag über 20 Jahre ergeben 25 Cent je Kilowattstunde.
In die Gesamtkosten gehören die Investitionskosten für Anlage, Mast, Fundament und Installation, die Betriebskosten über 20 Jahre für Wartung, Versicherung und gegebenenfalls Reparaturen sowie etwaige Finanzierungskosten in Form von Zinsen. Den Gesamtertrag bestimmen im Wesentlichen zwei Faktoren: das Windangebot am Standort als wichtigster Einflussfaktor und die Rotorgröße, die festlegt, wie viel Energie dem Wind überhaupt entnommen werden kann. Was die einzelnen Kostenblöcke in der Praxis kosten, steht ausführlich in unserem Artikel Was kostet eine Kleinwindanlage.
Wie stark der Ertrag durchschlägt, zeigt eine kurze eigene Überschlagsrechnung mit denselben Kosten – sie stammt nicht aus dem Fachbuch, sondern setzt dessen Beispiel nur fort:
Dieselbe Anlage, drei Ertragsannahmen (eigene Überschlagsrechnung)
Die dritte Zeile ist der eigentliche Lehrsatz: Ein höherer Mast kostet mehr Geld und senkt die Stromgestehungskosten trotzdem, weil der Ertrag stärker steigt als die Kosten. Wind nimmt mit der Höhe zu – schon der Unterschied zwischen 10 und 20 Metern Nabenhöhe kann die mittlere Windgeschwindigkeit je nach Standort so weit anheben, dass doppelt so viel Strom erzeugt wird. Eine Abwägung bleibt es trotzdem, denn die Zahlen oben sind Rechenbeispiele, keine Standortprognose. Welche Rotorgröße und welche Masthöhe zu Ihrem Betrieb passen, behandelt der Artikel Kleinwindanlage dimensionieren.
Rechnen Sie Ihre eigene Anlage durch
Der ROI-Rechner ermittelt aus Postleitzahl, Masthöhe, Anlagengröße und Eigenverbrauchsquote den Jahresertrag, die Amortisationszeit und die Stromgestehungskosten in Cent je Kilowattstunde.
Zum kostenlosen ROI-Rechner →Ohne Wind hilft die beste Technik nicht
Ob sich eine Kleinwindanlage lohnt, entscheidet sich zuallererst am Standort. Das Windangebot bestimmt den Ertrag und damit direkt, wie günstig oder teuer jede Kilowattstunde wird. Als Faustregel gilt: Ab einer mittleren Jahreswindgeschwindigkeit von etwa 5 m/s in Rotorhöhe kann eine Kleinwindanlage wirtschaftlich Strom erzeugen – das Ergebnis hängt aber immer vom Einzelfall ab. Liegt die Windgeschwindigkeit deutlich darunter, steigen die Stromgestehungskosten schnell auf ein Niveau, bei dem ein wirtschaftlicher Betrieb unrealistisch wird.
Weil der Ertrag im Nenner der Formel steht, verzeiht die Rechnung keine geschönten Ertragsannahmen. Warum zwei Standorte mit demselben Jahresmittelwert unterschiedlich viel liefern können, erklärt der Artikel Wie viel Wind braucht eine Kleinwindanlage. Grundsätzlich gilt: Vor jeder Investitionsentscheidung steht eine fundierte Standortbewertung – nicht danach. Eine erste Einschätzung liefert unser Standort-Check, der Windpotenzial, Hindernisse und Genehmigungslage für Ihre Postleitzahl bewertet.
Die Messlatte bewegt sich: Strompreise im Jahr 2026
Der Bezugspreis ist keine feste Größe – und weil er auf der einen Seite des Vergleichs steht, verschiebt jede Preisbewegung die Wirtschaftlichkeitsschwelle. Die aktuellen Zahlen stammen aus der BDEW-Strompreisanalyse vom 21. August 2026:
Strompreise 2026 (BDEW-Strompreisanalyse, August 2026)
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert. Erstens ist der Rückgang zum Teil politisch gemacht: Der Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten drückt die Netzentgelte, und was politisch gesetzt wurde, kann politisch auch wieder entfallen. Zweitens weist der BDEW am aktuellen Rand bereits einen Preisanstieg infolge des Iran-Kriegs aus. Das ist genau das Muster, das die Kalkulation so unangenehm macht: Fossil geprägte Strompreise reagieren auf geopolitische Ereignisse, die niemand vorhersagen kann.
Für Ihre eigene Rechnung ist ohnehin nicht der Durchschnitt maßgeblich, sondern Ihr Vertragspreis. Stromintensive landwirtschaftliche und kommunale Betriebe zahlen nach Angaben des Fachbuchs (Stand März 2026) in der Praxis eher zwischen 20 und 26 Cent je Kilowattstunde – deutlich mehr als der Industriedurchschnitt. Rechnen Sie mit dem Wert von Ihrer Jahresabrechnung, nicht mit einem Pressewert.
Was die Standardrechnung bewusst weglässt
Das Fachbuch kalkuliert mit der statischen Vollkostenrechnung – einer Standardmethode, die unter anderem bei den Landwirtschaftskammern eingesetzt wird. Sie erfasst Abschreibung, kalkulatorische Zinsen auf das durchschnittlich gebundene Kapital (die halbe Investitionssumme) und die laufenden Betriebskosten. Bewusst verzichtet sie auf eine Renditeerwartung, auf steuerliche Effekte, auf eine Cashflow-Betrachtung und auf künftige Strompreissteigerungen.
Der letzte Punkt hat Gewicht. Die Kalkulation rechnet mit einem konstanten Strompreis über die gesamten 20 Jahre – die tatsächliche Wirtschaftlichkeit dürfte deshalb besser ausfallen als dargestellt. Über die Betriebszeit verbessert ein steigender Strompreis das Ergebnis schrittweise, weil jede selbst verbrauchte Kilowattstunde mit den Jahren wertvoller wird. Bei einer moderaten Steigerung von 1,5 Prozent pro Jahr würde ein Strompreis von heute 30 Cent in 20 Jahren auf etwa 40 Cent steigen; im Mittel über den Zeitraum läge er bei rund 35 Cent.
Vorsicht bei Angeboten, die mit unterstellten Strompreissteigerungen rechnen: Die Annahme ist sachlich vertretbar, macht das Ergebnis aber beliebig. Lassen Sie sich die Rechnung immer zusätzlich mit konstantem Strompreis zeigen – das ist die vorsichtige Variante, und nur sie ist zwischen Angeboten vergleichbar. Steuerliche Effekte sind in der Vollkostenrechnung ebenfalls nicht enthalten; wie sich AfA und Vorsteuer auswirken, sollten Sie mit Ihrem Steuerberater klären (Hintergrund: Kleinwindanlage steuerlich absetzen).
Zwei Stellschrauben, wenn die Rechnung nicht aufgeht
Liegen die Stromgestehungskosten über Ihrem Bezugspreis, gibt es genau zwei Wege, die Lücke zu schließen – und einen dritten, der oft der richtige ist.
- Mehr Ertrag: höherer Mast, größerer Rotor, besserer Standort auf dem Grundstück. Das erhöht die Investition, senkt aber die Kosten je Kilowattstunde, solange der Ertrag stärker steigt als der Preis.
- Höhere Eigenverbrauchsquote: Je mehr des erzeugten Stroms im Betrieb bleibt, desto mehr ist er wert. Wirksame Maßnahmen sind ein Stromspeicher, eine Wärmepumpe oder ein Heizstab, zeitlich flexible Verbraucher und generell eine hohe Grundlast, wie sie in Gewerbe- und Industriebetrieben und in vielen landwirtschaftlichen Betrieben ohnehin vorliegt.
- Verzicht: Führt beides nicht unter Ihren Bezugspreis, ist der Standort für Kleinwindkraft nicht geeignet. Das ist keine schlechte Nachricht, sondern eine gesparte Investition.
Was Förderung angeht: Ein Zuschuss senkt die Investitionssumme und damit direkt die Stromgestehungskosten – er verändert die Formel nicht, sondern nur den Zähler. Beim Bundesprogramm zur Steigerung der Energieeffizienz und CO₂-Einsparung in Landwirtschaft und Gartenbau (BMLEH) wurde das Antragsverfahren am 31. Mai 2026 beendet, weil die Mittel für 2026 ausgeschöpft waren; Stand 10. September 2026 sind keine Anträge möglich, eine Wiedereröffnung ist vorbehaltlich der Mittel im Bundeshaushalt 2027 zum Jahresende vorgesehen. Details dazu im Artikel BMLEH-Förderung; welche Programme derzeit für Ihren Betrieb in Frage kommen, zeigt der Fördermittel-Finder.
Der Schnellcheck in vier Schritten
- Bezugspreis aus der letzten Jahresabrechnung heraussuchen – netto, in Cent je Kilowattstunde.
- Vom Anbieter die Gesamtkosten über 20 Jahre verlangen: Investition, Betriebskosten, Finanzierung. Nicht nur den Anlagenpreis.
- Den prognostizierten Gesamtertrag über 20 Jahre danebenlegen und die Prognose gegen eine unabhängige Standorteinschätzung prüfen.
- Teilen. Liegt das Ergebnis spürbar unter Ihrem Bezugspreis, lohnt sich die Detailplanung. Liegt es darüber oder knapp daneben, lohnt sie sich nicht.
„Spürbar" heißt: mit Puffer. Ertragsprognosen sind Bandbreiten, keine Zusagen, und ein Projekt, das erst bei perfekter Ertragsannahme aufgeht, ist kein robustes Projekt. Wenn Sie Ihre Zahlen einmal gegenrechnen lassen möchten, sprechen Sie uns an – und wenn die Prüfung ergibt, dass Ihr Standort nicht trägt, sagen wir Ihnen das, bevor Sie Geld ausgeben.
Häufig gestellte Fragen
Ab wann rechnet sich eine Kleinwindanlage?
Eine Kleinwindanlage rechnet sich, wenn ihre Stromgestehungskosten unter dem Preis liegen, den Sie sonst pro Kilowattstunde an Ihren Stromversorger zahlen. Die Stromgestehungskosten ergeben sich aus den Gesamtkosten über 20 Jahre geteilt durch den Gesamtertrag in Kilowattstunden. Liegen sie darüber, ist der Netzbezug günstiger und die Anlage arbeitet unwirtschaftlich.
Wie berechnet man die Stromgestehungskosten einer Kleinwindanlage?
Gesamtkosten geteilt durch Gesamtertrag. In die Gesamtkosten fließen Investition für Anlage, Mast, Fundament und Installation, die Betriebskosten über 20 Jahre für Wartung, Versicherung und Reparaturen sowie etwaige Finanzierungskosten. Beispiel aus dem Fachbuch Kleinwindkraft: 20.000 Euro Gesamtkosten und 80.000 Kilowattstunden Gesamtertrag ergeben 25 Cent je Kilowattstunde.
Warum ist Eigenverbrauch wirtschaftlich wichtiger als die Einspeisung?
Weil jede selbst verbrauchte Kilowattstunde den vollen Bezugspreis einspart, während eingespeister Strom nur gering vergütet wird – in Deutschland nach Stand März 2026 mit 7,4 Cent je Kilowattstunde. Der Abstand zwischen beiden Werten ist der eigentliche Ertragshebel einer Kleinwindanlage. Einen fairen Einspeisetarif für Kleinwindanlagen hat es in Deutschland nie gegeben.
Wie hoch ist der Strompreis für Gewerbe und Industrie 2026?
Laut BDEW-Strompreisanalyse vom August 2026 liegt der durchschnittliche Strompreis bei Lieferverträgen für kleine und mittlere Industriebetriebe 2026 bisher bei 17,2 Cent je Kilowattstunde, 0,4 Cent unter dem Vorjahreswert. Haushalte zahlen im Schnitt 37,0 Cent. Stromintensive landwirtschaftliche und kommunale Betriebe zahlen nach Angaben des Fachbuchs Kleinwindkraft in der Praxis eher 20 bis 26 Cent je Kilowattstunde.
Sollte man Strompreissteigerungen in die Wirtschaftlichkeitsrechnung einrechnen?
Seriöse Kalkulationen rechnen zunächst mit einem konstanten Strompreis, weil künftige Preise niemand kennt. Das ist die vorsichtige Variante: Steigt der Strompreis, verbessert sich das Ergebnis. Bei einer moderaten Steigerung von 1,5 Prozent pro Jahr würden aus heute 30 Cent je Kilowattstunde in 20 Jahren rund 40 Cent, im Mittel über den Zeitraum etwa 35 Cent.
Was tun, wenn die Wirtschaftlichkeitsrechnung nicht aufgeht?
Es gibt zwei wirksame Stellschrauben: mehr Ertrag über einen höheren Mast und einen größeren Rotor, oder eine höhere Eigenverbrauchsquote über Speicher, Wärmeerzeugung oder zeitlich verschiebbare Verbraucher. Führt beides nicht unter Ihren Bezugspreis, ist der Standort für Kleinwindkraft schlicht nicht geeignet – dann ist der Verzicht die wirtschaftlich richtige Entscheidung.